EIN JAHR LAUENEN – RÜCKBLICK 3/3

Aber ich wurde auch meinen Grenzen nochmals neu bewusst, dass ich nicht zwei weinende Kinder gleichzeitig trösten kann, und nicht beide gleichzeitig beim Essen oder Einschlafen begleiten kann.

Ein ganzes Jahr, vier Jahreszeiten, sind nun bereits vergangen, seit wir nach Lauenen gezogen sind. Gerne erzähle ich dir in einem kurzen Rückblick davon: Der erste Herbst war voller Neuem, Sonnenschein und Entdeckungen. Ich hatte noch Mutterschaftsurlaub und konnte mich voll und ganz auf unser Heim und die Kinder konzentrieren. Das war sehr schön. Ich erinnere mich, wie sich immer wieder ungewünschte Wünsche erfüllten. Plötzlich wurde mir, fünf Minuten von meiner Haustür entfernt, das Naturschutzgebiet bewusst. So wurde ein Spaziergang mit den Kindern zur Erholung. Oder ich bemerkte den Blick aus meinem Bett, direkt ins Grüne: Bäume, Tannen, Gras, Blumen. Und wie ich mir das insgeheim gewünscht habe. Einen Blick in die Ruhe der Natur. Und besonders schön war es für mich, die Offenheit der Menschen hier zu erleben. Ich wurde überall herzlich willkommen geheissen. Und begann mich schon bald mit anderen Mamis und ihren Kindern zu treffen. Daraus haben sich schöne und tiefe Freundschaften entwickelt. Für mich ist das ein besonderes Geschenk. Aber ich wurde auch meinen Grenzen nochmals neu bewusst, dass ich nicht zwei weinende Kinder gleichzeitig trösten kann, und nicht beide gleichzeitig beim Essen oder Einschlafen begleiten kann. Dass ich es nicht schaffe, den Haushalt wie gewünscht zu führen und für die Kinder da zu sein, wie ich möchte. Ich erinnere mich oft an ein innerliches Ziehen zwischen den Bedürfnissen, auch an meinen eigenen.
Der Winter überraschte mich mit dem glitzernden Schnee, dem warmen Sonnenschein und der gemütlichen Adventszeit – so bewusst habe ich diese Zeit noch nie vorher wahr genommen. Weihnachtsbaum, Adventskalender – nur das Güetzele mit den Kindern war weniger wie im Bilderbuch. Es endete mit Deko-Kügelchen in der ganzen Küche und im Wohnbereich. Ich erinnere mich, dass ich in diesem ersten Winter nie mit dem Auto wegfuhr. Ich hatte zu viel Respekt vor dem Fahren auf der für mich sehr engen Strasse zwischen Gstaad und Lauenen und dem Schnee auf der Strasse. So war ich oft zu Hause und wenn ich jemanden treffen wollte, musste die Person zu mir zu Besuch kommen.

Bald darauf begann ich meine neue Arbeitsstelle und nach einer Gewöhnungszeit, bis wir herausgefunden haben, wie ich meine Arbeitszeit Daheim umsetzen kann, läuft es ganz gut. Es war einfach alles etwas viel und ich fühlte mich mit den Kindern oft überfordert. Ich erinnere mich, wie ich oft geschwitzt habe, weil mein Körper sich im Stresszustand befand. Und ich erinnere mich an Gedanken wie: «Ich schaffe das alles nicht. Ich möchte einfach mal einige Tage für mich alleine haben. Diese Dauer-Verantwortung loswerden.» Und in dieser Zeit war ich ziemlich unzufrieden.

Und das wertvollste für mich war die Erkenntnis: Wie schön es ist, dass wir alle einander haben und zusammen sein können.

Mit dem Frühling bekam ich nachts immer wieder Bauchkrämpfe, ich tat es als hormonelle Veränderung durch das Abstillen ab. Doch einmal war es an einem Sonntag so stark, dass ich es abklären lassen wollte. Die Diagnose lautete Gallensteine, die eine Entfernung der Gallenblase zur Folge hatte, inklusive fünf Tage Spitalaufenthalt. So plötzlich weg von zu Hause bleiben zu müssen, war nicht einfach. Aber dadurch erlebte ich, dass ich wirklich nicht alleine bin mit der Verantwortung der Kinder. Ich hatte Unterstützung durch meine Familie, meine Mutter liess alles stehen und liegen und war Tag und Nacht für unsere Kinder da. Auch mein Mann gab alles und kam mich abends spät noch im Spital besuchen. Und das wertvollste für mich war die Erkenntnis: Wie schön es ist, dass wir alle einander haben und zusammen sein können. Grundsätzlich gesund sind. So sind diese fünf Tage – rückblickend (!) – zu einer der wertvollsten und prägendsten Zeit für mich geworden. Ich packe seither die Tage mit grundlegender Dankbarkeit an und das verändert meinen Alltag. Die täglich gefühlte Unzufriedenheit ist nicht mehr da. Und taucht sie plötzlich doch wieder auf, kann ich mich so gut an die Zeit im Spital erinnern und an die Distanz zu meinen Kindern und meinem Zuhause, dass es mir viel leichter fällt, mich neu auf Jesus zu fokussieren und dankbar zu sein.

So kam dann auch der Sommer, die Wärme und das Draussen-sein. Geburtstagsfeste und Ferien im Tessin. Ein schönes Jahr liegt hinter uns. Viel Neues gab es zu entdecken. Und immer wieder denke und fühle ich: Es war die richtige Entscheidung, nach Lauenen zu ziehen. Ich fühle mich wohl. Angekommen. Meine Ängste waren unbegründet. Mein Vertrauen in Gott nochmals gefestigt. So freue ich mich nach dem zweiten Herbst auf die vor uns liegende Weihnachtszeit.

Übrigens möchte ich an dieser Stelle noch erzählen, dass ich durch die wöchentliche Autofahrt zur Arbeit durch die schneefreien Jahreszeiten trainiert habe. Und vor ein paar Wochen fuhr ich das erste Mal bei Schneefall, Minus 4 Grad Celsius über schneebedeckte Strassen. Auch hier kann ich mich freuen, meine Angst überwunden und wieder einmal etwas gelernt zu haben.

Natürlich ist nun nicht alles einfach und ohne Herausforderungen. Unser Leben geht weiter mit Höhen und Tiefen. Aber die letzten zwei Jahre haben mir eine gewisse Lebensangst genommen: Egal welche Stürme auf uns warten, egal wo uns das Leben hinführt, ich habe eine tiefe Konstante: Jesus als Freund, treuen Begleiter, Versorger und als jemanden der mein Herz am besten kennt und versteht. So schaue ich dankbar zurück auf diese Veränderungen in meinem Leben. Und bin zuversichtlich und mit Vorfreude erfüllt, wenn ich an die vor mir liegenden Tage, Wochen und Jahre blicke. Was wird mich wohl erwarten?

Und so möchte ich mich für dieses Jahr von dir verabschieden, mit Dankbarkeit und Vorfreude. Und wünsche auch dir von Herzen Frieden, Freude, Dankbarkeit und eine berührende Begegnung mit Gott.

Ein neuer Blog-Beitrag ist momentan noch nicht geplant, aber wenn du eine Idee hast – schreib mir doch :)

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