ÜBER GRENZEN GEHEN

Grenzen zu haben ist keine Schwäche, Grenzen zu setzen ist Stärke.

Grenzen. Für mich sind Grenzen mit sehr vielen Emotionen verbunden. Grenzen bedeuten das Ende von etwas und der Anfang von anderem. Wenn wir etwas eingrenzen, grenzen wir anderes aus. Grenzen können befreiend, wie auch einengend sein. Und jeder einzelne Mensch hat persönliche Grenzen. Körperliche und psychische, bewusst festgelegte und solche, die einfach da zu sein scheinen. Diese Grenzen schützen uns, etwas zu tun, das uns schadet oder bei dem wir uns nicht wohl fühlen.

Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich geglaubt, keine wirklichen Grenzen zu haben. Eigentlich alles was ich mir vornahm, gelang und was ich plante, setzte ich um. Mit diesen Hintergedanken schaffte ich meine Berufslehre, ging in eine Bibelschule und wurde Leiterin eines Teams von Freiwilligen in Köniz. Dort habe ich auf die harte Tour gelernt, dass auch ich Grenzen habe. Zuerst wollte ich sie nicht wahrhaben. Denn für mich bedeuteten Grenzen etwas Schlechtes. Ich ging über meine Grenzen, in dem ich nicht auf meinen Körper hörte, der mir versuchte zu sagen, dass ich Ruhe brauchte. Erst als ich ein halbes Jahr schlecht geschlafen, innere Unruhe verspürt und dann drei Wochen krank geschrieben wurde, erkannte ich, dass ich wahrscheinlich was in meinem Leben ändern musste. Dieses Nichteinhalten meiner Grenzen hatte keine guten Folgen. Darauf will ich aber jetzt nicht weiter eingehen, ich habe schon einiges in den beiden Blogs «Ruhe & Frieden» und «Kontrolle – gut oder schlecht?» erzählt. Gelernt zu haben, dass ich Grenzen habe, bedeutete aber nicht, dass ich sie akzeptieren konnte. Ich sah meine Unzulänglichkeit und mein Versagen in meinen Grenzen. Ich dachte, dass ich meine schwierigen Situationen doch hätte besser meistern sollen und folgerte daraus, dass ich einfach zu schwach war. Ich meinte, dass nur Schwächlinge Grenzen hätten – aber ich wollte doch stark sein.

Erst Jahre später habe ich meine Grenzen schätzen gelernt. Sie beschützen mich selbst vor einem ungesunden Lebensstil. Ich schätze sie, dass sie mir aufzeigen, wann ich wieder aktiv Ruhezeiten einplanen soll und das Leben ein bisschen mehr geniessen darf. Auch zu erkennen, dass jeder Mensch andere Grenzen hat und ich mich nicht vergleichen muss, hat mir geholfen. Wie stehst du zu deinen Grenzen? Hast du deine Grenzen bereits erkannt und weisst du wofür sie sorgen? Weisst du, wann du Nein sagen solltest? Hierbei ist mir auch wichtig zu erwähnen, dass es unterschiedliche Lebenssituationen gibt und sich die körperlichen und psychischen Grenzen verändern können. Während meiner Erholungsphase hat sich meine Kapazität ständig erweitert. In Lebenssituationen mit vielen Herausforderungen, müssen wir unsere Grenzen aber vielleicht enger stecken und mehr Ruhepausen einplanen, um genügend Energie zu haben. Grenzen zu haben ist keine Schwäche, Grenzen zu setzen ist Stärke.

Daher gibt es auch Situationen, bei denen wir uns selbst ganz bewusst Grenzen setzen müssen. Diese Grenzen sind meistens mit persönlichen Zielen verbunden: Weil ich gesund bleiben möchte, setze ich mir zum Beispiel beim Kaffee- oder Süssigkeitenkonsum Grenzen. Bei meiner Terminplanung muss ich oft aufpassen, dass ich nicht jede freie Minute verplane und nur noch vom einen zum andern renne. Auch in Beziehungen müssen wir manchmal Grenzen setzen, damit die an der Beziehung beteiligten Personen gesund bleiben können. Stop- oder Nein-Sagen braucht manchmal Mut und auch eine Portion Ehrlichkeit gegenüber uns selbst, wenn wir zu unseren Überzeugungen und Zielen stehen wollen.

Dann gibt es auch noch diese Grenzen, die irgendwie in meinem Kopf sind und ich mir manchmal gar nicht bewusst bin. Im Vergleich zu meinen körperlichen und psychischen Grenzen, die hilfreich sind und mich unterstützen, sind diese Grenzen einengend und nicht förderlich für mich. Wie ich schon mehrmals auf meiner Webseite erwähnt habe, fällt mir das Reden vor Leuten schwer. Wenn ich angefragt werde, irgendwo zu sprechen, möchte ich laut «Nein!» sagen und davon rennen. Weil meine Fähigkeiten vor Leuten zu sprechen nicht ausreichen – aus meiner Sicht. Es ist eine Art Panik, die aufsteigt, wenn ich vor Leuten sprechen soll. Bevor ich vor Leuten spreche, bin ich oft aufgeregt und wenn ich vor ihnen stehe, kann ich mich nur schwer darauf konzentrieren, was ich sagen will. Die Aufgabe übersteigt meine Fähigkeiten. Darum ist das Reden vor Leuten für mich eine Grenze. Eigentlich möchte ich gerne vor Leuten sprechen, aber meine Angst hält mich davon ab.
Ich weiss, wenn Gott will, dass ich irgendwo sprechen soll, er mich auch befähigen wird. Das braucht viel Vertrauen, weil ich es mir selber nicht zutraue. In der Bibel gibt es viele Geschichten von Menschen, die Angst hatten. Eine möchte ich gerne teilen:

Die Israeliten sind von Gott aus der Sklaverei der Ägypter befreit worden und zogen in Richtung verheissenem Land. Doch der Weg führte durch die Wüste und war anstrengend. Bevor sie vor den Grenzen des neuen Landes standen, wollten sie lieber wieder zurück nach Ägypten. Sie vertrauten Gott nicht, dass er das Beste für sie bereithält und sie wollten lieber zurück in ihr bekanntes Gebiet – auch wenn dies Sklaverei bedeutete. Das klingt für mich nicht nach einer guten Alternative! Aber wie oft sehen unsere Entscheidungen wie die der Israeliten aus? Wenn wir uns lieber in unseren bekannten Umständen aufhalten, auch wenn dies Sklaverei und somit keine Freiheit bedeutet? Anstatt Gott zu vertrauen, dass er uns alles zum Besten dienen lassen möchte? Weil das Bekannte oft einfacher klingt, als die Komfortzone zu verlassen.
Wie gerne wäre ich immer eine Frau, die Gott vollstens vertraut und glaubt, dass er das Beste für mich bereithält. Auch wenn es mich selber vieles kostet, den Weg zum verheissenen Land zu gehen, ist es das doch wert, anstatt zurück in die Sklaverei von Angst zu gehen! Es benötigt Vertrauen.

Wer erlebt, wie Gott trägt und wie real seine Kraft ist, möchte niemals wieder weniger erwarten.

Hier ein kleines Beispiel, wie mein Weg aussieht:
Vor einigen Jahren hat mich jemand für eine Moderation eines Events angefragt, sofort antwortete ich «Nein!». Als ich später darüber nachdachte, habe ich gemerkt, dass ich mich von der Angst habe leiten lassen und dass dies vielleicht eine Chance gewesen wäre, mich meiner Angst zu stellen und dazu zu lernen. Deshalb sagte ich zu Gott: «Wenn mich das nächste Mal jemand fragt, werde ich mich nicht der Angst beugen und einfach genau so schnell und überzeugt «Ja!» sagen.» Die Gelegenheit kam dann einige Monate später für einen Workshop, und wie ich Gott versprochen hatte, sagte ich sofort und ohne zu zögern «Ja!». Phuu, als ich dann eine ruhige Minute für mich hatte, war ich total überfordert: «Wie konnte ich nur zusagen?! Was habe ich mir dabei gedacht?!» Doch in dieser emotionalen Krise war Gott treu und er hat mir den Inhalt für den Vortrag quasi «gedownloadt», ich konnte nur drauflos schreiben und nach einigen Stunden war ich schon fast fertig. Crazy. Die Zeit kurz vor meinem Vortrag war wieder sehr schwierig, ich musste mich aktiv zurück ziehen und mir Wahrheiten aus der Bibel aufsagen. Verse wie: «Alles vermag ich durch den, der mich stark macht.» und «Denn er hat mir nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.» Doch als ich trotz Angst vor den zirka zwanzig Leuten stand, habe ich definitiv gemerkt, dass ich nicht alleine bin. Ich bin richtig aufgeblüht und habe es sogar genossen. Wie verrückt ist das denn? Mit Gott kann ich definitiv über Grenzen gehen! Heute habe ich immer noch viel Respekt vor dem Reden vor Leuten, und ich wüsste nicht, wie es wäre, wieder vor Leuten zu stehen. Aber bestimmt möchte ich zuerst Gott fragen, ob ich zusagen soll oder nicht. Und wenn Gott das «Go» geben würde, möchte ich weitergehen im Glauben, dass er mich befähigt und möchte ihm ganz vertrauen. Denn ich glaube, dass er das Beste für mich bereithält. Und bestimmt möchte ich nicht zurück in die Sklaverei der Angst! Wer erlebt, wie Gott trägt und wie real seine Kraft ist, möchte niemals wieder weniger erwarten.So komme ich nun wieder zu dieser Aussage zurück, die ich zu Beginn gemacht habe: Grenzen bedeuten das Ende von etwas und der Anfang von anderem. Das Ende meiner Angst und der Anfang von Schritten im verheissenen Land. Klingt nach Abentueuer, bist du bereit? Über welche Grenze willst du mit Gott gehen?

Hier die unterschiedlichen Grenzen noch einmal im Überblick:

  • meine vorgegebenen körperlichen und psychischen Grenzen, die je nach Lebenssituation variieren und bei denen wir sensibel auf unseren Körper hören sollten. Diese zu akzeptieren ist nicht immer einfach, aber gesund und befreiend für uns.​
  • meine bewusst gesteckten Grenzen, um Ziele zu erreichen und beispielsweise gesunde Beziehungen zu leben.
  • Grenzen, die mich bremsen und einengen, ich aber darin weiterkommen und einen Durchbruch erleben möchte. Im Vertrauen auf Gott können wir über Grenzen gehen.

Wenn du dich noch vertiefter mit deinen Grenzen auseinander setzen möchtest, hier noch einige Fragen zum Nachdenken:

  • Wie nehme ich meine Grenzen wahr? (Achte auf deine Emotionen wie Angst, Wut, Erschöpfung..)
  • Was sind die Vor- und Nachteile meiner Grenzen?
  • Welche Grenzen tun mir gut und sind befreiend für mich?
  • Welche Grenzen engen mich ein?
  • Wo möchte ich meine Grenzen neu festlegen?
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